Was sind Orofacialstörungen und was sind Fütterstörungen?

Bei orofacial-Störungen liegt eine Störung auf funktionaler Ebene im orofacialen System vor.

Das Baby bringt bei seiner Geburt normalerweise die Kompetenzen der Primärfunktionen mit. Das bedeutet, es ist in der Lage zu „saugen, zu schreien, zu atmen und zu schlucken". Liegen aber Erkrankungen vor, oft neurologisch-organisch bedingt, kann das Kind Einschränkungen in diesen Bereichen haben, so dass es z.B. nicht saugen, oder beim Saugen nicht atmen kann. Dann muss es durch eine Nasensonde oder PEG ernährt werden. Entscheidend ist nun, dass die Primärfunktionen durch die logopädische Therapie frühstmöglichst stimuliert und angebahnt werden.

Diese Therapie ist heute aber immer noch eher die Ausnahme, als die Regel bei den betroffenenen Kindern.Meine Erfahrung ist, dass die Kinder oft erst zur Therapie kommen, wenn sie von der Sonde entwöhnt werden sollen, oder wenn bereits eine „Fütterstörung" vorliegt.

Warum ist also eine logopädische Therapie frühzeitig einzuleiten, so wichtig?

Die Funktionen Atmung, Saugen Schlucken und später das Kauen bestimmen immer die Morphogenese der Muskulatur und der Knochen. Die Muskulatur der Zunge wirkt formgestaltend auf die Zahnbögen und den Kiefer als zentrifugale Kraft von innen, der M. Buccinator wirkt von außen als zentripetale Kraft. So kommt es zu einer ausgeglichenen und optimalen Oklusion der Zähne.
Wenn die formenden Kräfte aus dem Gleichgewicht geraten, spiegelt sich diese Störung in den Okklusionsverhältnissen der Zähne wieder.
Der Knochen ist einerseits das härteste, aber auch das formbarste Gewebe im menschlichen Körper, deshalb besteht bei einer Zungenfehlfunktion die Gefahr der Fehlentwicklung der Zahnbögen, des Kiefers und des Gaumens.
Es gilt die Regel:
Die Funktion bestimmt die Form. Weichteile formen immer auf lange Sicht Hartteile.
So wie ein permanenter Wasserfall die darunter liegenden Steine abschleift.

Wenn es nun funktionale Einschränkungen in den „Primärfunktionen" gibt, dann kommt es zu pathologischen Abweichungen der Funktionen, der Muskeln, der Nervenimpulse und der Skelettstrukturen.
Was kann passieren, wenn die „Primärfunktionen" des Kindes nicht therapiert werden?
Die Mundatmung ist die häufigste Folge eines fehlenden Mundschlusses.Durch die permanente Mundatmung treten vermehrt HNO -Infekte und Bronchitis auf, da die physiologische Nasenfilterung fehlt.
Durch den offenen Mund, kommt es zu einer Hypotonie, im orofacialen Bereich. Es kommt im Wangenbereich zu Lymphstau, die Zunge liegt vorne vor den Zähen, anstatt oben an der Papilla incisiva, hinter den oberen Frontzähnen.
Häufig schlucken die Kinder dann mit der Zungenkraft gegen die Frontzähne. Auf lange Sicht folgt ein offener Biss, da die Zähne nach vorne wandern. Der Gaumen wird nicht geformt und ist kuppelartig.

Die Nasennebenhöhlen und Stirnhöhlen könne sich nur geringfügig ausbilden.
Es kommt zu verschiedenen Zahn und Gesichtsdeformationen.
Funktionelle Veränderungen finden sich in der Haltungsänderung, mit einer häufig vorkommenden costalen Atmung, einer verstärkten Lordose im LWS -Bereich. Beim Sprechen finden sich häufig Probleme bei der Bildung der Zischlaute und es zeigt sich eine feuchte Aussprache. Nicht selten findet sich auch eine Speichelansammlung im Mund, da das Kind wegen des fehlenden Mundschlusses, seltener abschluckt.
Psychisch-emotional entwickelt das Kind oft eine schlaffe Haltung, mit einem geringen Ganzkörpertonus. Das führt zu einer inneren Antriebsarmut. Diese Kinder sind zu Bewegungsspielen nur schwer zu motivieren, da es für sie schon anstrengen ist, die Alltagsbewegungen umzusetzen.

Fütterstörungen:

es handelt sich um eine im frühen Kindesalter spezifisch entwickelte Störung beim Gefüttert werden mit unterschiedlichen Symptomen.
Es umfasst die Nahrungsverweigerung oft mit einem extrem wählerischen Essverhalten, auch wenn ein angemessenes Nahrungsangebot vorliegt.
Diese Fütterstörungen werden oft durch vorhergehende invasive medizinische Maßnahmen, Schmerzen beim Essen oder Atmen ausgelöst. Auch Versorgung durch Nasensonde und PEG, und Probleme im orofacialen Bereich, lösen eine Fütterstörung aus.
Häufig liegt eine Frustration seitens der Mütter vor, da sie sehr lange Zeit brauchen um das Kind überhaupt zu füttern.
Es treten immer wieder Wahrnehmungssprobleme bei Kindern im orofacialen Bereich ( Hypersensibilität mit einhergehendem erhöhten Würgreflex) und auch Ganzkörperlich auf. Nicht selten kommt es zu Zwangsfütterungen durch die Mütter. Das Kind verweigert dann die Nahrungsaufnahme völlig. Ein Teufelskreis beginnt.

Das oberste Ziel in der Fütterstörungstherapie ist:

eine Essensituation zu schaffen, die das normale Essverhalten positiv verstärkt und die für alle Beteiligten lustvoll und kommunikativ ist. Die Nahrungsmenge kommt erst später und dann oft auch von ganz allein.

Die sieben silbernen Essensregeln:

1. Es finden immer gemeinsame Familienmahlzeiten statt
2. Das Kind wird nicht vor einen gehäuften Teller gesetzt
3. Das Kind bestimmt immer wie viel es ist und ob es isst, die Eltern bestimmen, was es ist, wo es isst, wie lange gegessen wird.
4. Ein Kind wird niemals gegen seinen Willen gefüttert. Kein Füttern ohne kindliches Signal.
5. Das Thema Essen ist während des Essens tabu, die Eltern fordern vom Kind kein Essen müssen ein, es findet Kommunikation über Alltagsgeschehen statt.
6. Ein Hungergefühl darf beim Kind entstehen
7. Das Essen wird rechtzeitig beendet. Kinder unter drei Jahren müssen nicht bis zum Ende der Mahlzeit am Tisch verbleiben.

Leider haben Fütterstörungen, je später sie therapeutisch unterstützt werden, eine schlechte Langzeitprognose. FST neigen zur Persistenz, es gibt Zusammenhänge mit Esstörungen im Kindes-und Jugendalter und jungen Erwachsenen Alter.
Es kann zu einer gestörten Eltern-Kind-Interaktion kommen bis hin zu einer Bindungsstörung.
Diese Bindungsstörung ist immer psychologisch zu therapieren.

Fazit:
Um Kindern, die bereits im Säuglingsalter, mit Problemen in den „Primärfunktionen" zu tun haben, optimal zu unterstützen und ihnen eine orofaciale Störung bis hin zu Folgeschäden und funktionale Einschränkungen bis ins Erwachsenenalter zu ersparen, muss frühst möglichst eine Orofacialtherapie eingeleitet werden.

Gängige Therapiekonzepte in diesem Bereich sind:
die Neurofunktionstherapie,
die Orofaciale Regulationstherpaie nach Castillo Moralis,
die Therapie nach Padovan.

Carén Siedenhans
staatlich geprüfte Logopädin
Neurounktionstherapeutin